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Unterstützte Kommunkation

Blick, Gebärde, Laut, Sprache
In Gelnhausen entsteht die kreisweit erste Beratungsstelle für frühe Dialoggestaltung und Unterstützte Kommunikation

Die Beschlüsse sind längst gefasst und die Stiftung Behinderten-Werk hat das Projekt finanziell gefördert: Die Gründung einer „Beratungsstelle für frühe Dialoggestaltung und Unterstützte Kommunikation“ in Gelnhausen ist im Oktober 2011 Wirklichkeit geworden. Unterstützte Kommunikation ist die eingedeutschte Bezeichnung für das international anerkannte Fachgebiet „Augmentative und Alternative Communication (AAC). Der internationale Terminus verdeutlicht, dass alternative Kommunikationsformen die Lautsprache entweder begleiten, ergänzen oder im Bedarfsfall auch ersetzen.

Im Juli 2009 wurde bei der Aktion Mensch ein Antrag gestellt, damit diese Beratungsstelle für die ersten fünf Jahre finanziell unterstützt werden kann. Herr Althaus hat für den Main-Kinzig-Kreis den Antrag befürwortet, so dass wir „nur noch“ auf die schriftliche Zusage von Aktion Mensch warten müssen.
Wie kommt es zu der Namensfindung „Beratungsstelle für frühe Dialoggestaltung und Unterstützte Kommunikation“? Nun, darin werden die wichtigsten Aspekte der Kommunikationsförderung betont: Der frühe Beginn, die Gestaltung und die Unterstützung. Die Erkenntnisse der Entwicklungsforschung und -psychologie sowie die Erfahrungen der BWMK-Fachkräfte in der Frühförderung zeigen, wie wichtig Beratung und Angebote von Beginn an sind. In der Geschichte „Willkommen in Holland“ von Emily Perl Kingsley wird das sehr treffend beschrieben.

….Wenn Sie ein Baby erwarten, dann ist das ähnlich, wie wenn Sie eine Traumreise nach Italien planen. Sie kaufen eine Anzahl Reiseführer und machen wundervolle Pläne. Es ist alles sehr aufregend.
Nach Monaten eifriger Erwartung ist der Tag schließlich da. Sie packen Ihren Koffer und es geht los. Einige Stunden später landet das Flugzeug. Die Stewardess kommt herein und sagt: “Willkommen in Holland.“
„Holland?“ sagen Sie. Was meinen Sie mit Holland? Ich habe für Italien gebucht! Mein ganzes Leben lang habe ich davon geträumt, einmal nach Italien zu reisen.“
Doch es gab einen Wechsel im Flugplan. Sie sind in Holland gelandet und dort müssen Sie nun bleiben….
Sie müssen ausgehen und andere Reiseführer kaufen. Und sie müssen eine ganz neue Sprache lernen. Sie werden eine ganz neue Gruppe von Menschen kennenlernen, welche Sie ansonsten nie getroffen hätten.
Es ist nur ein anderer Ort. Es ist alles langsamer als in Italien, weniger leuchtend als in Italien. Doch nachdem Sie eine Weile dort waren und wieder zu Atem gekommen sind, schauen Sie sich um und bemerken, dass Holland Windmühlen hat. Holland hat Tulpen. Holland hat Rembrandts(…)
Aber jedermann, den Sie kennen, kommt entweder gerade von Italien oder bereitet sich auf eine Reise dorthin vor, und sie alle prahlen mit der wunderschönen Zeit, die sie dort hatten. Für den Rest Ihres Lebens werden Sie sagen: „Ja, dorthin hätte ich auch reisen sollen. Das hatte ich geplant.“
Und der Schmerz darüber wird niemals mehr vergehen, weil der Verlust dieses Traumes ein sehr bedeutsamer Verlust ist.
Aber wenn Sie den Rest ihres Lebens damit verbringen, über die Tatsache zu trauern, dass Sie nie nach Italien kamen, werden Sie niemals fähig sein, die ganz besonderen, sehr lieblichen Dinge in Holland zu genießen.

Um sich von Anfang an mit der veränderten Situation in Holland und mit der neuen Sprache auseinander zu setzen, wird die Beratungsstelle für frühe Dialoggestaltung und Unterstützte Kommunikation bewusst altersübergreifend vom Säugling bis zum Senior arbeiten. Denn für Unterstützte Kommunikation ist es nie zu früh, aber auch nie zu spät!

Kommunizieren heißt, die Umwelt wahrnehmen, Interesse an ihr entwickeln, mit ihr in Kontakt treten, einen Dialog mit beeinflussen und mitgestalten.
Mit dieser Fähigkeit sind alle Menschen mit dem Zeitpunkt der Geburt ausgestattet. (Unabhängig von ihrer Reife und einer möglichen Behinderung)!
Unterstützte Kommunikation bedeutet, auf diesen Fähigkeiten aufzubauen und diese systematisch zu erweitern.
Menschen, die auf Grund fehlender oder schwer verständlicher Lautsprache in ihrer Kommunikation und Interaktion behindert werden, brauchen individuelle Förderung. Diese Unterstützungsleistungen werden individuell und multimodal geplant, das heißt, sie berücksichtigen körpereigene Kommunikationsformen (Atmung, Blicke, Gebärden…), nicht technische Hilfen (Symbole, Tafeln, Referenzgegenstände, Fotos, Kommunikationstagebücher,…) und die Möglichkeit von technischen Hilfen (adaptiertes Spielzeug, Computer, Sprachausgabegeräte,…)

Darüber hinaus werden auch die Bezugspersonen und das soziale Umfeld einbezogen, weil ein erweitertes Kommunikationssystem ein Umdenken von allen Beteiligten erfordert.

Mit der Beratungsstelle UK wird eine übergeordnete Fachstelle im BWMK eingerichtet, die Fragen bündelt, sich in eine einheitliche Diagnostik einarbeitet, Beantragungen von Hilfsmitteln bei der Krankenkasse übernimmt, mit dem Arbeitskreis UK im BWMK einrichtungsübergreifende Standards für Gebärden und Symbole erarbeitet und damit einen Überblick erhält, wie den uns anvertrauten Menschen Übergänge jeglicher Art (ob nun innerhalb des Tages oder Wechsel in andere Einrichtungen) erleichtert werden können.

In der jetzigen Planung ist davon auszugehen, dass die Beratungsstelle noch in diesem Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird.
Im ersten Jahr stehen neben den Einzelfall- und Teamberatungen die Bestands- und Bedarfsanalyse im Vordergrund, sowie die Erstellung von Info-Material.
Im Jahr 2011/2012 wird die schriftliche Konzepterarbeitung mit umfassender Öffentlichkeitsarbeit Schwerpunkt sein.
Im Jahr 2013 wird die verbindliche Erarbeitung von Prozessbeschreibungen und Beginn der Zertifizierung anstehen.
Im Jahr 2014/2015 sollte die Beratungsstelle so etabliert sein, dass sie eigenständig fortgeführt werden kann.

Die Beratungsstelle für frühe Dialoggestaltung und Unterstützte Kommunikation möchte damit auf der einen Seite einen weiteren Grundstein für mehr Selbstbestimmung und Integration legen. Auf der anderen Seite soll es innerhalb des BWMK und des Main-Kinzig-Kreises noch selbstverständlicher werden, dass Menschen ohne (ausreichende) Lautsprache Unterstützung in ihrer Kommunikationsentwicklung bekommen.

Der Leitgedanke von Richard von Weizsäcker: „Es ist normal, verschieden zu sein, soll erweitert werden: „Es ist normal, verschieden zu sein und verschieden zu kommunizieren.“ Unabhängig davon, ob jemand in Italien oder Holland gelandet ist.

Bettina Müller